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Was zum Kuckuck ist Old-Time Music?





Eine kurze Einführung von Reinhard Greß

Fast jeder kennt Country Music, Bluegrass dagegen ist nur wenigen ein Begriff (z.B. als Begleitmusik zu Roadmovies), Old Time Music ist zumindest in Deutschland so gut wie überhaupt nicht zu hören (Ausnahmen in einigen Folgen der Muppet-Show und im Film Nashville Lady) und nur einer kleinen Fangemeinde geläufig. Old Time Music ist der Vorläufer von Bluegrass und der Granddaddy der heutigen Country Music. Geographisch läßt sie sich in die Südstaaten der USA und insbesondere in die Appalachengegend, zeitlich in die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts - die Zeit vor und während der umfassenden verkehrsmäßigen Erschließung und dem Einzug der Massenmedien - einordnen.

Für die Bergbevölkerung war das Zusammenmusizieren aufgrund ihrer Isolation ein wichtiger soziologischer Faktor. Die zum großen Teil aus dem angelsächsischen Raum (Irland, England, Schottland) eingewanderten "Hillbillies" hatten ihr musikalisches Erbe mit in ihre neue Heimat gebracht, das bei der Hausmusik und den gelegentlichen Treffen gepflegt wurde. So haben viele Fiddle-Tunes und Balladen ihren Ursprung in Amerika. Nun trat mit der Erfindung und Kommerzialisierung des Radios und dem neuen Medium Schallplatte eine äußerst interessante Entwicklung auf. Die Hillbillies wurden mit für sie neuer Musik wie Blues, Jazz und insbesondere dem Swing konfrontiert und übernahmen einige Elemente dieser Stilrichtungen in ihre eigene Musik, so daß mit der Zeit eine eigene Musikrichtung entstand, die aufgrund ihrer Vielseitigkeit manche frühere Eintönigkeit ablöste.

1922 entdeckte die Schallplattenindustrie dieses Phänomen und lockte die ersten Country - Musiker in ihre Aufnahmestudios. 1922 und 1923 wurden die ersten Schellackplatten mit Interpreten wie Eck Robertson und Fiddling John Carson (Zitat: I'll have to quit making moonshine and start making records) veröffentlicht. Ein Boom begann, von Musikern und Gruppen wie Charlie Poole & the North Carolina Ramblers, Gid Tanner and The Skillet Lickers, Henry Whitter, Uncle Dave Macon u.v.a wurden sechsstellige Schallplatten-Verkaufszahlen erzielt. Es war eine fröhliche Musik, so daß sie auch oft als Good-Time Music bezeichnet wurde. Zu den traditionellen Instrumenten wie der Fiddle und dem 5-String-Banjo gesellten sich die Gitarre und Mandoline. Mit dem Beginn der großen Depression nach der Weltwirtschaftskrise Ende der '20er Jahre war die Blütezeit der Old-Time-Music vorbei, allenfalls Interpreten wie Jimmie Rodgers und die Carter Family waren noch Gäste in den Aufnahmestudios. Die Old Time Music kehrte wieder in den ländlichen Raum zurück und wurde nur noch durch Aufnahmen der Library of Congress auf Tonträgern festgehalten.

Ein erstes Revival erlebte die Old Time Music Ende der 50'er Jahre durch drei junge New-Yorker, die sich zu den New Lost City Ramblers zusammenschlossen und die alten Schellackplatten nachspielten. Mike Seeger (Jahrgang 1933), der Halbbruder des Folksängers Pete Seeger, sein Schwager John Cohen (Jahrgang 1933) sowie der Mathematikprofessor Tom Paley (Jahrgang 1928, später ersetzt durch Tracy Schwarz) nahmen für Folkways zahlreiche Schallplatten auf und boten ihre Musik bei zahllosen Auftritten dar. Das Pech der NLCR war, daß viele ihre Musik zwar toll fanden, aber statt des Imitats lieber das Original hören wollten. So wurden die alten Schellackplatten aus den '20ern auf Vinyl neu aufgelegt und von Labels wie County und Rounder mit beträchtlichem Erfolg vertrieben. Bei den Festivals traten Musiker wie der Fiddler Tommy Jarrell und Banjospieler wie Fred Cockerham und Kyle Creed auf, die sich lange Zeit zurückgezogen hatten. Die Fangemeinde gab sich nicht mehr mit dem Anhören zerkratzter Schellackaufnahmen zufrieden, sie wollte die Musik selbst lebend gestalten. So entstanden in den 70'ern Gruppen wie die Highwoods String Band, die Fuzzy Mountain String Band , die North Fork Rounders und die Red Clay Ramblers, die Old Time Music in neuer Frische und bisher noch nicht geläufiger Präzision und Dynamik darboten. Mit dem Trend zur Rückkehr zur akustischen Musik erlebt auch die Old Time Music einen dritten Frühling. Junge Interpreten wie Dick Powell, Bruce Molsky und die Freight Hoppers bieten Ende dieses Jahrtausend Old Time Music in allererster Qualität, die nunmehr in digitaler Aufnahmequalität genossen werden kann. So besteht der zweite Teil dieser Homepage aus einer Empfehlung einschlägiger CD's. Eine Abgrenzung zwischen Old Time Music und Bluegrass Music möchte ich an dieser Stelle nicht treffen, da die Gemeinsamkeiten groß sind und alle Oldtimer und Bluegrasser die Liebe zu ihrer Musik verbinden sollte. Für Rückfragen und weitere Informationen stehen wir allen interessierten Lesern dieser Homepage gerne und jederzeit zur Verfügung.



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